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Armut unter Arbeitslosen

Die Armut bei Menschen mit und ohne Job hat seit den Hartz-Reformen in Deutschland stark zugenommen. Zuletzt stieg der Anteil der "Working Poor", während die Armutsquote unter Arbeitslosen auf hohem Niveau leicht rückläufig war. WSI-Forscher Dr. Eric Seils erläutert die aktuelle Statistik.


Fast 68 Prozent aller Arbeitslosen in Deutschland sind armutsgefährdet. Eine enorm hohe Zahl. Was bedeutet eigentlich armutsgefährdet?

Seils: Laut EU-Definition gelten Menschen als armutsgefährdet, die weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens in ihrem Land zur Verfügung haben. Im Falle eines Alleinstehenden sind dies in Deutschland derzeit 952 Euro. Es handelt sich nach dem Verständnis vieler Wissenschaftler um eine relativ milde Form von Einkommensarmut, die nicht zwingend mit schweren materiellen Einschränkungen einhergeht. Daneben gibt es weitere Armutsdefinitionen: Die Industrieländerorganisation OECD bezeichnet denjenigen als arm, der mit weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Und wer weniger als 40 Prozent hat, gilt als von „strenger Armut“ betroffen.

Wieso ist die Armut unter Arbeitslosen in Deutschland so verbreitet? Liegen die Einkommen der Arbeitslosen in Deutschland vielleicht nur knapp unter der Armutsgrenze?

Nein. Die Hälfte aller deutschen Arbeitslosen haben sogar weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens. Das heißt für einen Alleinstehenden: Weniger als 793 Euro. Auch hier liegt Deutschland ganz an der Spitze in Europa.

Hat das etwas mit Hartz IV zu tun?

Die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe war ein tiefer Einschnitt in den sozialen Schutz der Arbeitslosen. Seitdem haben die meisten Arbeitslosen nur noch Anspruch auf ein Jahr Arbeitslosengeld I. In anderen Ländern – wie z.B in Frankreich (104 Wochen), Dänemark (104 Wochen) und den Niederlanden (96 Wochen) – ist die Anspruchsdauer auf Arbeitslosengeld deutlich länger. In Belgien ist die Anspruchsdauer sogar unbefristet. Danach bleibt nur noch das sogenannte ALG II. Hartz IV bewahrt die Betroffenen jedoch nur vor der bittersten Armut. Im Jahr 2010 lag der durchschnittliche ALG-II-Bezug eines Alleinstehenden mit 645 Euro bei knapp über 40 Prozent des mittleren Einkommens. Immerhin 19,4 Prozent der deutschen Arbeitslosen haben weniger als diese Summe zur Verfügung. In Europa ist das Mittelmaß.

Ist Hartz IV also die Wurzel aller Probleme?

Ich sage: Die Arbeitslosenhilfe ist ersatzlos gestrichen worden. Das hat zur Verarmung der Arbeitslosen in Deutschland beigetragen. Die Armut ist jedoch nicht allein auf die vierte Hartz-Reform zurückzuführen, andere Faktoren spielen ebenfalls eine große Rolle. Einer davon: Der Anstieg des Armutsrisikos unter Arbeitslosen stellt gewissermaßen die Schattenseite der in den vergangenen Jahren gesunkenen Arbeitslosigkeit dar. Wenn die Arbeitslosigkeit zurückgeht, dann werden zunächst jene eine neue Anstellung finden, die noch nicht lange arbeitslos sind. Zurück bleiben diejenigen, die ihren Anspruch auf Arbeitslosengeld I schon erschöpft haben oder die Anspruchsvoraussetzungen nie erfüllen konnten. Infolgedessen steigt das Armutsrisiko in der Gruppe der Arbeitslosen.

Was erwarten Sie denn für die Zukunft?

Es gibt Hinweise darauf, dass der Anteil der Anteil der Armen unter den Arbeitslosen in den kommenden Jahren ähnlich hoch bleiben wird wie heute.

Was kann die Politik tun, um das Problem der Armut unter Arbeitslosen zu bekämpfen?

Langfristig wäre es sinnvoll, die Anspruchsdauer auf Arbeitslosengeld anzuheben. Der internationale Vergleich zeigt, dass die Armut unter Arbeitslosen in solchen Ländern niedrig ist, in denen die Anspruchsdauer auf Arbeitslosengeld lang ist. In der Schweiz erhalten 40-Jährige, die alle Anspruchsvoraussetzungen erfüllen, 80 Wochen Arbeitslosengeld. In Deutschland sollte dies für alle Altersgruppen gleichermaßen gelten.


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